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11. März 2024

Barrierefreiheit für Websites: Warum (Sport-)Organisationen jetzt handeln sollten

Ab Sommer 2025 sind Website-Betreiber zur digitalen Barrierefreiheit verpflichtet. SPOBIS ordnet ein, warum Sportorganisationen das Thema schnellstmöglich auf die Agenda setzen sollten. Wer es nicht macht, riskiert Verluste in der SEO-Reichweite.

Ab dem 28. Juni 2025 sind privatwirtschaftliche Anbieter und Anbieterinnen digitaler Produkte und Dienstleistungen gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Online-Angebote barrierefrei zu gestalten. Das steht im sogenannten Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Mit dem Gesetz werden zum ersten Mal private Wirtschaftsakteure zur Barrierefreiheit verpflichtet.

Mit dem BFSG wurde im Juli 2021 der European Accessibility Act (EAA) ins nationale Recht überführt. Viel passiert ist bis dato nicht, wie eine aktuelle Studie von Google und der Aktion Mensch zeigt: Aus dieser geht hervor, dass zwei Drittel der großen deutschen Webshops (noch) nicht barrierefrei sind.

Clubs und Verbände sind betroffen

Zum Handeln werden allerdings nicht nur Milliardenkonzerne wie Ikea, Otto oder Zalando gezwungen: „Das BFSG gilt grundsätzlich auch für Sportorganisationen. Dies dürfte in der Praxis vor allem bei dem Betreiben eines Onlineshops durch die Vereine oder Verbände der Fall sein“, ordnet Till Moser die rechtliche Lage ein. Weiter sagt der Rechtsanwalt der Sportkanzlei BluePort Legal: „Aus Sicht der zu schützenden Verbraucher kommt es nicht darauf an, welche Rechtsform der Betreiber des Onlineshops hat, weshalb auch Vereine und Verbände in den Anwendungsbereich des BFSG fallen.“

Der Verstoß gegen einzelne Regelungen des BFSG stellt im Übrigen eine Ordnungswidrigkeit dar, die im Einzelfall mit einer Geldbuße von bis zu 100.000 Euro geahndet werden kann. Die Vorschriften des BFSG dürften zudem sogenannte Marktverhaltensregelungen nach § 3a UWG darstellen, deren Nichtbeachtung zu Abmahnungen und einstweiligen Verfügungen von Mitbewerbern oder Verbraucherschutzverbänden führen kann. So viel zur rechtlichen Einordnung.

„Viel Unwissenheit“

Nicht zuletzt aufgrund des rechtlichen Drucks nimmt die Barrierefreiheit im Web immer mehr Fahrt auf. Das hat auch Daniel Nierhauve registriert. Er sagt: „Wir merken aktuell vor allem bei unseren Kunden aus der Wirtschaft, dass das nahende BFSG dem Thema endlich die Dringlichkeit verleiht, die es verdient.“ Aktuell herrsche im Markt noch viel Unwissenheit, speziell bei mittelständischen Organisationen, ergänzt der Head of Business Development der Bochumer Digitalagentur 9elements, die unter anderem auch Kunden aus dem Sport berät.

Trotz des Zeitdrucks empfiehlt Nierhauve eine sorgfältige Auswahl: „Nicht sofort dem erstbesten Berater Geld zahlen. Am besten holt man sich Expertise bei Spezialisten, die es am Ende auch umsetzen. Auf diese Art und Weise kann zusammen ein Barrierefreiheitskonzept entwickelt werden, das auch in ein angemessenes Budget passt.“

Klar ist: Viel Zeit bleibt (Sport-)Organisationen nicht mehr, um ihre Website barrierefrei zu gestalten. In Gesprächen mit Digitalverantwortlichen heißt es unisono: Um es stressfrei und vor allem kosteneffizient zu lösen, sollte man jetzt anfangen.

Grundsätzliche Tipps für Anfänger

  1. Die W3C gibt Guidelines heraus. Die W3C ist eine unabhängige Organisation, die sich mit Standards im Web beschäftigt.

  2. Hintergrundinformationen gibt es auch auf www.barrierefreiheit-dienstekonsolidierung.bund.de. Ein weiteres vom Bund bereitgestelltes Portal hilft dabei, erste Anforderungen zu definieren.

  3. Im Rahmen der Umsetzung werden bei Beratungsagenturen in der Regel verschiedene Level definiert:

  • Redaktionell: Barrierefreie Pflege von Inhalten, zum Beispiel Meta-Tags.

  • Design: Grundlagen, die etwa in Bezug auf Kontraste eingehalten werden müssen.

  • Technisch: Bereitstellung von Tools. Fängt bei einer sauberen Auszeichnung im HTML an und hört bei der Bereitstellung von Vorlesefunktionen auf.

Bis zu 20 Prozent Mehrkosten

Bei der barrierefreien Umsetzung von Online-Angeboten gibt es verschiedene Möglichkeiten: Die schnellste und kostengünstigste Lösung ist die Installierung eines SaaS-Tools wie etwa Eye-Able oder Digiaccess. Nach der Konfigurierung des Tools können verschiedene Barrierefreiheitsfunktionen auf der Website genutzt werden. Das ist vor allem für Organisationen mit kleineren Budgets interessant. Je nach Tarif fallen bei solchen Anbietern monatliche Kosten zwischen 25 und 160 Euro an. Vor allem das Tool Eye-Able ist im Profisport weitverbreitet und wird unter anderem von Werder Bremen, der TSG Hoffenheim, dem 1. FC Köln, Hannover 96 und dem SC Freiburg genutzt.

Deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen Organisationen, die maßgeschneiderte Softwarelösungen einsetzen oder sogar Geld und Zeit in die Eigenentwicklung investieren. Insbesondere bei bestehenden Websites sind solche Anwendungen extrem kostspielig. Das ist auch einer der Gründe, warum Digitalagenturen direkt einen Relaunch der Website empfehlen. So könnte eine barrierefreie Umsetzung bereits in der Konzeptions- und Design-Phase berücksichtigt werden. „Das wäre die 100-Prozent-Lösung“, sagt Nierhauve. Zur Einordnung: Bei einem Relaunch kann man mit Mehrkosten für Barrierefreiheit zwischen 10 und 20 Prozent rechnen.

Generell gilt für die digitale Barrierefreiheit: Wenn diese bei der Planung von Anfang an mitgedacht wird, ist die Erstellung der barrierefreien Website oder App einfacher umzusetzen und damit auch kostengünstiger. Ein Vorzeigebeispiel aus dem Sport ist Bayer 04 Leverkusen. Zu Beginn der Saison 2023/24 hat die „Werkself“ eine neue Website gelauncht und dabei auch das Thema Barrierefreiheit berücksichtigt.

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Google belohnt Barrierefreiheit

Die Empfehlung von Agenturverantwortlichen, direkt einen Website-Relaunch durchzuführen, ist sicher nicht ganz uneigennützig, aber: Barrierefreiheit im Web ist ein Muss und kein Kann. Sollte man das Thema nur halbherzig oder gar nicht auf die Agenda setzen, drohen neben rechtlichen Konsequenzen weitere negative Auswirkungen auf die Organisation. SPOBIS fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen:

1. SEO

Google hat sich Barrierefreiheit im Web groß auf die Fahne geschrieben. Der Internet-Gigant wird hierzulande ab 2025 Seiten markieren, die nicht barrierefrei sind. Man bekommt also schon in den Suchergebnissen einen Negativstempel. Zur Einordnung: Google deckt mit seiner Suchmaschine über 80 Prozent des Marktes ab.

2. Neue Zielgruppe

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leben etwa 7,8 Millionen Menschen in Deutschland mit einer anerkannten Schwerbehinderung. Die Zielgruppe, die barrierefreie Websites und Apps benötigt, ist also groß. Das bestätigt auch die Aktion Mensch: „Barrierefreiheit im Internet ist für zehn Prozent der Bevölkerung unerlässlich, für mindestens 30 Prozent notwendig und für 100 Prozent hilfreich.“

3. Medialer Druck

Laut Experten können es sich weder Unternehmen noch Sportorganisationen künftig leisten, auf Barrierefreiheit zu verzichten. Barrierefreiheit ist ein sensibles Thema und kann medial schnell Geschwindigkeit aufnehmen. Ähnlich wie bei der Nachhaltigkeit. Ein Verzicht könnte langfristig der eigenen Marke schaden – vor allem, wenn die Konkurrenz es besser umsetzt.

  • Ist eine Seite auch per Tastatur statt per Maus bedienbar?

  • Sind auszufüllende Formularfelder verständlich beschriftet und erklärt?

  • Ist die Textgröße änderbar?

  • Sind Zeichen- und Zeilenabstände ohne Verlust von Inhalt anpassbar (Textumbruch)?

  • Sind multimediale Inhalte untertitelt?

  • Können Nutzer multimediale Inhalte pausieren, beenden und ausblenden?

  • Sind Überschriften und Beschriftungen aussagekräftig und verständlich?

  • Sind interaktive Elemente (beispielsweise Buttons oder Drop-down-Menüs) durch assistive Technologien auslesbar?

Chance für alle

Die genannten Punkte zeigen: Die Gründe, nachhaltig in digitale Barrierefreiheit zu investieren, sind vielschichtig und bieten sogar Chancen für das eigene Geschäft. Ein Onlineshop mit Barrieren kann von jedem zehnten Deutschen nicht vollständig genutzt werden. Das betrifft sowohl Menschen mit Behinderung oder körperlichen Einschränkungen als auch Menschen höheren Alters.

Daher empfehlen Experten eine zeitnahe Auseinandersetzung mit digitaler Barrierefreiheit und die entsprechende Wissensaneignung. Bleibt zu hoffen, dass es nicht so läuft wie mit der DSGVO-Einführung. Viele Organisationen haben die Umsetzung damals auf die lange Bank geschoben und kamen unter Druck, als sie verpflichtend wurde.

Foto: IMAGO / blickwinkel

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