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20. März 2024

Sportmedizin im Wandel: Vom Kostentreiber zum Investment-Case

Der Fortschritt sportmedizinischer Angebote fördert die Professionalisierung von Sportorganisationen und bietet stets neue Investitionspotenziale. SPOBIS blickt mit einem Experten des FC Liverpool auf den Status quo.

Untersucht man die Weiterentwicklung von medizinischen Leistungen und Präventivmaßnahmen im Hinblick auf professionelle Sportwettbewerbe im deutschen Raum, symbolisiert die Weltmeisterschaft 2006 einen nennenswerten Meilenstein. Erstmals mussten alle teilnehmenden Nationalmannschaften und ihre Verbände kardiologische Gutachten der spielberechtigten Profifußballer vorlegen, um potenzielle Risikofälle für Herzinfarkte zu identifizieren.

Zeitgleich vergrößerte der damalige deutsche Nationaltrainer Jürgen Klinsmann den Mitarbeiterstab der medizinischen Abteilung und ordnete komplexe Tests unter wissenschaftlicher Leitung an. Diese Tests sollten eine zuverlässige Einordnung des Fitnesszustands der Spieler ermöglichen und dienten als Basis für individuelle Trainingsinhalte. Vier Physiotherapeuten, zwei Orthopäden, ein Internist, vier Fitnesstrainer und ein Psychologe betreuten die deutsche Nationalmannschaft rund um die Uhr und konnten mit ihren Präventivmaßnahmen die Verletzungsquote eindämmen. 

Ausbau der Mitarbeiterstrukturen – Informationsfluss entscheidend 

Eine Schlüsselentwicklung medizinischer Angebote im Profisport war somit die Vergrößerung der entsprechenden Mitarbeiterstäbe und die damit verbundene Professionalisierung der vorhandenen Leistungszentren. Nahezu jeder Verein in der Fußball-Bundesliga verfügt mittlerweile über mehrere Mannschaftsärzte, Physiotherapeuten und Fitnesstrainer. Nur selten beschränken sich die Tätigkeiten noch auf eine Teilzeitbeschäftigung oder einzelne Protagonisten. 

Das trifft auch auf den FC Liverpool zu, wenngleich die Professionalisierung und strukturelle Ausweitung der medizinischen Abteilungen in der englischen Premier League bereits Ende der Neunzigerjahre einsetzte. Dr. Andreas Schlumberger, Head of Recovery & Performance beim englischen Traditionsclub, ordnet die Lage wie folgt ein: „In England sind die Mitarbeiterstäbe nochmal größer als in Deutschland. Das ist sinnvoll, jedoch bedarf es einer gesunden Meeting- und Dokumentationsstruktur, um einen effizienten Informationsfluss zwischen den verschiedenen Ansprechpartnern zu gewährleisten.”  

Monitoring-Tools essenziell – KI schreitet voran 

Neben der medizinischen Expertise sind die Anforderungen im modernen Fußball vielschichtiger geworden. Denn auch das Datenmanagement spielt bei den Auswertungen eine gewichtige Rolle. Hilfe gibt es dabei von zahlreichen Monitoring-Softwares – zum Beispiel in den Bereichen Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Herzfrequenzparameter und Schlafqualität. 

Auf Basis dieser Daten werden modifizierte Trainingsmaßnahmen für einzelne Spieler empfohlen, um eine optimale Belastung zu gewährleisten. Schlumberger führt dazu aus: „Das Monitoring ermöglicht es uns, potenzielle Leistungseinbrüche frühzeitig zu erkennen und entsprechende Regenerationsmaßnahmen einzuleiten.“

Bei den verwendeten Produkten und Technologien kommen vermehrt KI-Algorithmen zum Einsatz, die auf Basis von intelligenter Mustererkennung realistische Verletzungsvorhersagen treffen können. Schlumberger ist sich sicher: „In diesem Bereich steckt noch viel Potenzial für die Zukunft. Die Fülle an abteilungsspezifischen Informationen erfordert es, intelligente Software als neutrales Auswertungsinstrument einzusetzen. Die Investitionsbereitschaft der Vereine in diesem Bereich ist sehr hoch, da sich daraus temporäre Wettbewerbsvorteile ergeben können.“ 

Verletzungsquote wirkt sich auch auf Versicherungsbeiträge aus

Dass Investitionen in die medizinische Abteilung vor allem den Profisportlern zugutekommen, liegt auf der Hand. Darüber hinaus existieren jedoch auch finanzielle Anreize, die sich beispielsweise anhand der zu zahlenden Versicherungsbeiträge von Sportorganisationen veranschaulichen lassen.

Schließlich muss sich jede (professionelle) Sportorganisation zwangsläufig mit Beitragszahlungen für die Unfallversicherung auseinandersetzen, um ihre Sportler bei verletzungsbedingten Ausfällen bestmöglich versorgen zu können. Für die Erhebung dieser Beiträge ist es von entscheidender Bedeutung, wie sich die Verletzungsquote in den professionalisierten Sportarten entwickelt und welche Ausgaben mit der Behandlung von verletzten Sportlern verbunden sind.

Doch wie hoch ist das Verletzungsrisiko wirklich? Aus wissenschaftlichen Studien geht hervor, dass sich deutsche Profisportler durchschnittlich zwischen 1,6 bis 2,5-mal pro Saison verletzen. Damit verbunden sind für die Vereine hohe Ausgaben, die sich schlussendlich in der gesetzlich geregelten Unfallversicherung widerspiegeln.

Zuständig ist hier die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), die einen jährlich zu zahlenden Gesamtbeitrag für alle leistungsorientierten Sportvereine in Deutschland ermittelt. Dieser Beitrag setzt sich unter anderem aus den Spielergehältern und einem branchenbezogenen Gefahrtarif zusammen, der auf Basis von zurückliegenden Beobachtungszeiträumen kalkuliert wird und aktuell einen Multiplikator von 70,65 darstellt.

Durch die Beitragszahlungen sollen beispielsweise Entschädigungsleistungen in Form von Heilbehandlungskosten und Rentenansprüche der verletzten Profisportler abgedeckt werden. Bei einem Blick auf die Zahlen wird klar, dass mit beiden Kostenstellen hohe Ausgaben einhergehen. Im Jahr 2022 beliefen sich die Entschädigungsleistungen im deutschen Profisport (inklusive Betreuerstab) erneut auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Dabei entfällt ein Großteil auf Rentenansprüche von Profisportlern, die in der Folge einer schwerwiegenden Verletzung einen dauerhaften Gesundheitsschaden erlitten haben.

Versicherungsvertreter sind sich einig, dass der hohe Gefahrtarif im Sport kontinuierlich gesenkt werden könnte, wenn mehr Geld in Präventivmaßnahmen investiert wird. Denn langfristig bergen entsprechende Investitionen das Potenzial, die Zahl der verletzungsbedingten Ausfälle und daran gekoppelte Entschädigungsleistungen stufenweise zu verringern. Abgesehen davon, konnte der Einfluss von Verletzungsquoten auf das tabellarische Abschneiden am Ende einer Saison und die daraus resultierende Monetarisierung mittlerweile wissenschaftlich belegt werden. 

Messbarer Zusammenhang zwischen Verletzungslast und Umsatz

Aus einer aktuellen, noch nicht öffentlich publizierten Studie der VBG und der Sporthochschule Köln am Lehrstuhl von Herrn Prof. Dr. Breuer geht hervor, dass ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen der Verletzungslast eines Vereins und dessen sportlichem sowie wirtschaftlichem Erfolg besteht.

Im Rahmen eines Regressionsmodells wurden signifikante Beziehungen zwischen der Anzahl der verletzungsbedingten Ausfälle von Profisportlern und dem sportlichen Abschneiden der jeweiligen Clubs untersucht. Negative Korrelationen dieser Variablen sind laut dieser Studie sportartenübergreifend nachweisbar. Im Fußball zeigt sich, dass ein verletzter Spieler durchschnittlich zu einem Punktverlust von 0,31 und einem Platzierungsverlust von 0,76 pro Spieltag führt. Aus der Summe an Punktverlusten und dem schlechteren Abschneiden in der Gesamttabelle resultieren erfolgsabhängige Verluste in Millionenhöhe. Diese Ergebnisse decken sich mit den Erkenntnissen einer vergleichbaren Studie zur englischen Premier League aus dem Jahr 2020.

Auch auf Basis derartiger Erhebungen soll der wirtschaftliche Anreiz von Investitionen in Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen im Profisport künftig stärker in den Fokus gerückt werden. In letzter Konsequenz können sich durch entsprechende Investitionsmaßnahmen nicht nur Verletzungsquoten und korrelierende Versicherungsbeiträge mindern lassen. Die Maßnahmen senken zudem die Opportunitätskosten im Hinblick auf das sportliche Abschneiden und daraus resultierende Erlösströme.

  • Verminderung der Verletzungsquote

  • Modernisierung der Infrastruktur

  • Ausschöpfung von Innovationspotenzialen

  • Erlangung temporärer Wettbewerbsvorteile

  • Verbesserung der sportlichen Ausgangsposition

  • Beitrag zur (langfristigen) Senkung der Behandlungs- und Versicherungskosten

  • Weiterentwicklung sportmedizinischer Forschungsbereiche

  • Return on Investment bei Beteiligung an erfolgreichen Start-ups

Um verletzungsbedingten Ausfällen vorzubeugen, können Verantwortliche neben Personal und medizinischen Gerätschaften auch in andere infrastrukturelle Bereiche investieren, um Verletzungsrisiken der Athleten vorzubeugen – abseits des Fußballs stößt man dabei auf innovative Produkte, die bereits vielfach zur Anwendung bekommen. Darunter finden sich beispielsweise flexible Bandensysteme im Eishockey, die den Aufprall eines Spielers abfedern oder automatisierte Reinigungsmaschinen, die den klebrigen Handballharz von den Böden der Sporthallen entfernen und somit einen sicheren Spielablauf gewähren.

Fakt ist, dass Produkte und Leistungen mit sportmedizinischem Bezug kontinuierlich an die dynamischen Entwicklungen und Wettbewerbsstrukturen des Sports angepasst werden müssen. Nur wer frühzeitig in seine Infrastruktur investiert, wird sowohl auf personeller als auch auf sportlicher Ebene mithalten können. Zielführend ist dabei eine enge Zusammenarbeit zwischen Sportmedizinern, Technologieunternehmen und Sportorganisationen, um genügend Raum für sinnvolle Produktinnovationen zu schaffen und den Status quo in der Belastungssteuerung der Profisportler regelmäßig herauszufordern.

Foto: picture alliance / ZB | motivio

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